Angst und Panik: Was hinter dem Herzrasen steckt
Ein Dienstagabend im Supermarkt in Schwabach. Die Schlange an der Kasse ist lang, die Luft warm. Plötzlich schlägt das Herz bis zum Hals, die Hände werden feucht, der Boden scheint zu schwanken. Der Einkaufswagen bleibt stehen, die Frau geht hinaus, setzt sich ins Auto und wartet zwanzig Minuten, bis es vorbei ist. Am nächsten Tag fährt ihr Mann einkaufen. Am übernächsten auch.
Was eine Panikattacke ist und was nicht
Eine Panikattacke ist eine Welle höchster Angst, die innerhalb weniger Minuten ihren Gipfel erreicht. Herzrasen, Atemnot, Schwindel, Zittern, ein Gefühl der Unwirklichkeit. Viele Menschen sind beim ersten Mal überzeugt, einen Herzinfarkt zu erleiden, und landen in der Notaufnahme. Dort ist das EKG unauffällig. Das beruhigt für einen Tag.
Danach beginnt oft das eigentliche Problem: die Angst vor der nächsten Attacke. Fachleute nennen das Erwartungsangst. Man meidet den Supermarkt, dann die Autobahn, dann das Kino. Der Radius wird kleiner. Irgendwann ist das Leben um die Angst herum organisiert, und die Angst ist dabei nicht kleiner geworden.
Daneben gibt es Ängste, die leiser verlaufen. Die soziale Angst, bei der jemand vor jeder Teambesprechung schlecht schläft, weil er fürchtet, rot zu werden oder etwas Dummes zu sagen. Oder die ständige Sorge, bei der der Kopf von einem möglichen Unglück zum nächsten springt: der Sohn auf der B2, die Untersuchung beim Arzt, die Stelle, die vielleicht wegfällt. Keine einzelne Welle. Eher ein Dauerrauschen.
Bevor ich mit jemandem über Angst arbeite, frage ich nach der ärztlichen Abklärung. Schilddrüse, Herz, Blutzucker, Medikamente: Manches kann sich anfühlen wie Angst und hat eine körperliche Ursache. Das gehört geklärt. Danach reden wir über das, was im Kopf passiert.
Warum Angst nicht einfach „kommt“
Die meisten Menschen beschreiben ihre Angst so, als würde sie von außen über sie hereinbrechen. Die Situation macht die Angst, die Kasse, die Menschenmenge, der Termin. Das stimmt nicht ganz. Zwischen der Situation und dem Gefühl liegt etwas, das wir oft nicht bemerken, weil es so schnell geht: unsere Gedanken über die Situation. Was sehe ich? Was schließe ich daraus? Wie schlimm finde ich das?
Angst ist das Gefühl, das entsteht, wenn wir etwas Bedrohliches in der Zukunft erwarten und es als schlimm bewerten. Die Frau an der Kasse hat in Sekundenbruchteilen gedacht: „Gleich passiert etwas mit mir, ich kann hier nicht weg, und das wäre eine Katastrophe.“ Ausgesprochen hat sie das nicht. Gedacht schon. Das Herz reagiert auf diesen Gedanken, nicht auf die Kasse.
Diese Erkenntnis klingt schlicht. Sie verändert aber, wo man ansetzt.
Der Blick hinter das Symptom
Viele Angstbehandlungen arbeiten am Symptom. Atemtechniken, Entspannung, schrittweises Üben der gemiedenen Situation. Das hat seinen Platz, und ich nutze es auch. Ich halte es aber für zu kurz gegriffen, wenn man nicht fragt, was diese bestimmte Person eigentlich befürchtet.
Hier setzt die problemorientierte kognitive Psychodiagnostik nach Harlich H. Stavemann an, mit der ich arbeite. Stavemann unterscheidet drei Problembereiche, aus denen belastende Gefühle typischerweise entstehen. Beim ersten geht es um den eigenen Wert: Was bin ich wert, wenn andere mich so sehen? Beim zweiten um die Unfähigkeit, Unangenehmes zu ertragen: Das darf nicht sein, das halte ich nicht aus. Beim dritten um existenzielle Bedrohung, um Sicherheit und Kontrolle: Ich muss jederzeit wissen, dass mir nichts passiert.
Zwei Menschen können in derselben Kassenschlange dieselbe Panik spüren und Verschiedenes fürchten. Die eine fürchtet, umzufallen und zu sterben. Das ist ein Sicherheitsthema. Der andere fürchtet, dass alle ihn anstarren, wenn er zittert, und er sich lächerlich macht. Das ist ein Selbstwertthema. Die Symptome sehen gleich aus. Die Arbeit sieht völlig anders aus.
Wie ich vorgehe
In den ersten Sitzungen sammeln wir konkrete Situationen. Nicht „ich habe oft Angst“, sondern: Wo waren Sie, was geschah gerade, was haben Sie gespürt, was haben Sie getan? Danach gehen wir rückwärts. Vom Gefühl zur Bewertung, von der Bewertung zur Schlussfolgerung, von der Schlussfolgerung zu der Grundannahme, aus der sie stammt.
Häufig taucht dabei eine Regel auf, die der Betroffene noch nie so formuliert hat. „Ich darf die Kontrolle über meinen Körper nie verlieren.“ Oder: „Wenn andere merken, dass ich unsicher bin, bin ich unten durch.“ Diese Regeln sind selten falsch im Sinne von dumm. Sie sind meist irgendwann sinnvoll gewesen. Aber sie sind absolut formuliert, und absolute Forderungen an das Leben erzeugen zuverlässig Angst, weil das Leben sich nicht an sie hält.
Diese Regeln prüfen wir dann gemeinsam. Mit Fragen, nicht mit Belehrung. Wie wahrscheinlich ist das Befürchtete? Woher wissen Sie das? Was wäre, wenn es doch einträte, und wäre es dann wirklich das Ende? Dient Ihnen diese Regel, oder engt sie Sie ein? Ich nenne das gemeinsames Nachdenken. In der Fachsprache heißt es sokratischer Dialog.
Zwischen den Sitzungen gibt es Aufgaben. Situationen notieren, Gedanken aufschreiben, neue Sichtweisen ausprobieren. Und irgendwann auch: wieder zur Kasse gehen. Diesmal mit einer anderen Idee im Kopf als vorher.
Ein Beispiel, verfremdet
Ein Mann Mitte vierzig, Ingenieur, bekam Panikattacken auf längeren Autofahrten. Er hatte schon viel versucht: Atemübungen, Musik, nur noch Landstraße. Im Gespräch zeigte sich nach einigen Wochen, dass seine Angst weniger mit dem Auto zu tun hatte als mit einem Gedanken, den er seit dem Tod seines Vaters mit sich trug. Der Vater war mit Anfang fünfzig an einem Herzinfarkt gestorben, während einer Dienstfahrt. „Mir darf das nicht passieren. Ich muss merken, wenn etwas nicht stimmt.“ Jedes Herzklopfen am Steuer wurde zum Beweis, dass es jetzt so weit sei.
An diesem Gedanken haben wir gearbeitet. Nicht am Auto.
Was Sie mitbringen sollten
Online-Therapie bei Angst funktioniert gut, wenn Sie einen ruhigen Raum haben und die Bereitschaft, zwischen den Sitzungen selbst etwas zu tun. Sie funktioniert nicht, wenn Sie in einer akuten Krise sind. Dann gehören Sie in ärztliche Hände, und die Nummer ist die 112.
Ob die Arbeit per Video zu Ihrem Anliegen passt, klären wir im Erstgespräch. Manchmal ist die Antwort auch, dass ein anderer Weg besser wäre. Dann sage ich Ihnen das.
Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine Diagnose. In einer akuten Krise wählen Sie bitte die 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, kostenfrei und rund um die Uhr. Quelle der Methode: Stavemann, Hülsner: Der Blick hinter das Symptom, 2. Auflage, dgvt-Verlag 2022.