Depressive Symptome: Wenn der Blick auf sich selbst immer strenger wird
Morgens um sechs klingelt der Wecker. Er klingelt um sechs Uhr zehn noch einmal und um sechs Uhr zwanzig. Aufstehen wäre eigentlich kein Problem, die Beine funktionieren ja. Es ist eher so, dass nichts einen Grund liefert. Die Arbeit nicht, das Frühstück nicht, der Anruf, den man der Schwester seit drei Wochen schuldet, auch nicht. Und während man liegen bleibt, läuft im Kopf ein Kommentar mit: Typisch. Andere schaffen das. Du nicht.
Was mit depressiven Symptomen gemeint ist
Niedergeschlagenheit kennt jeder. Nach einem Verlust, einer Kränkung, einer langen Krankheit. Sie gehört zum Leben, und sie vergeht. Von depressiven Symptomen spricht man, wenn dieser Zustand über Wochen anhält und den Alltag durchdringt. Typisch sind gedrückte Stimmung, Verlust von Interesse und Freude, Antriebsmangel, Erschöpfung schon bei kleinen Aufgaben. Dazu kommen häufig Schlafprobleme, Appetitveränderungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schuldgefühle und ein Grübeln, das sich im Kreis dreht.
Ich schreibe bewusst von depressiven Symptomen und nicht von Depression. Eine Diagnose stellt man nicht aus einem Text heraus, und sie ist auch nicht das Wichtigste. Wichtiger ist, dass eine ärztliche Abklärung stattfindet, weil körperliche Ursachen wie eine Schilddrüsenunterfunktion ähnliche Beschwerden machen können und weil schwere depressive Zustände in fachärztliche Hände gehören. Wenn Gedanken auftauchen, nicht mehr leben zu wollen, ist das ein Notfall. Dann wählen Sie bitte die 112 oder die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111.
Für viele Menschen mit leichteren oder mittleren depressiven Symptomen kann Gesprächspsychotherapie ein sinnvoller Weg sein. Auch per Video.
Das Gefühl der Aussichtslosigkeit
Niedergeschlagenheit ist ein Gefühl mit einem eigenartigen Zeitbezug. Sie schaut auf das, was jetzt ist oder war, und schließt daraus, dass es so bleiben wird. „Ich habe es wieder nicht geschafft, und ich werde es nie schaffen.“ In dieser Verbindung von Gegenwart und Zukunft steckt die Aussichtslosigkeit, die Betroffene so oft beschreiben.
Und diese Aussichtslosigkeit hat einen Inhalt. Etwas ist aus Sicht des Betroffenen so schlimm, dass es nicht zu ändern ist. Die Frage ist: was genau?
Der Blick dahinter
Ich arbeite mit der problemorientierten kognitiven Psychodiagnostik nach Harlich H. Stavemann. Sie geht davon aus, dass hinter belastenden Gefühlen bestimmte Denkkonzepte liegen, die sich einem von drei Problembereichen zuordnen lassen: dem eigenen Wert, der Unfähigkeit, Unangenehmes zu ertragen, oder der existenziellen Bedrohung mit ihrem Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle.
Bei depressiven Symptomen begegnet mir am häufigsten der erste Bereich. Viele Betroffene haben ihren Wert als Mensch an Bedingungen geknüpft. An Leistung, an Beliebtheit, an Fehlerlosigkeit. Solange die Bedingungen erfüllt sind, geht es gut. Bricht eine weg, nach einer Kündigung, einer Trennung, einer Krankheit, bricht der Boden mit weg. „Wenn ich nicht mehr leiste, bin ich nichts wert.“ Dieser Satz steht selten so da. Aber er steckt im Grübeln, in den Schuldgefühlen, im inneren Kommentar am Morgen.
Manchmal liegt das Problem woanders. Bei einer Frau, die nach dem Auszug ihrer Kinder in ein Loch fiel, fanden wir nach einigen Sitzungen keinen Selbstwertsatz, sondern eine Lücke: Sie hatte zwanzig Jahre lang für die Familie gelebt und keine eigenen Ziele mehr, die über den Tag hinausreichten. Stavemann ordnet fehlende Lebensziele den existenziellen Problemen zu, und dort setzt dann auch die Arbeit an. Was wollen Sie mit den nächsten zwanzig Jahren anfangen? Eine Frage, die Angst machen kann. Und die trotzdem gestellt werden muss.
Das Beispiel zeigt, warum ich die Diagnostik ernst nehme. Gleiche Symptome, verschiedene Ursachen, verschiedene Wege.
Wie ich vorgehe
Zu Beginn geht es oft gar nicht um Gedanken, sondern um Struktur. Wenn jemand kaum aus dem Bett kommt, ist eine Analyse von Grundannahmen zu viel verlangt. Dann planen wir zunächst kleine, machbare Tätigkeiten und beobachten, wie die Stimmung darauf reagiert. Das ist unspektakulär. Und es ist oft der erste Schritt.
Danach sammeln wir konkrete Situationen, in denen die Niedergeschlagenheit besonders stark war. Was ist da passiert? Was haben Sie gedacht? Was war daran so schlimm? Wir gehen rückwärts vom Gefühl zur Bewertung und von dort zu den Maßstäben, die dahinter stehen. Diese Maßstäbe prüfen wir gemeinsam, in Ruhe und mit Fragen statt mit Ratschlägen. Woher stammt die Idee, dass ein Mensch nur so viel wert ist wie seine Leistung? Würden Sie diesen Maßstab an Ihre beste Freundin anlegen?
Viele Klienten merken an dieser Stelle, dass sie zwei Maßstäbe haben. Einen milden für andere und einen gnadenlosen für sich selbst. Das ist kein Charakterfehler. Es ist eine Denkgewohnheit, und Gewohnheiten lassen sich prüfen.
Eine Beobachtung für die nächsten Tage
Wenn Sie mögen, achten Sie in der kommenden Woche auf einen bestimmten Moment: den, in dem die Stimmung kippt. Nicht auf den ganzen schlechten Tag, sondern auf die Minute, in der es schwerer wird. Was war da gerade? Ein Anruf, ein Blick in den Spiegel, eine Mail, ein Gedanke an etwas Unerledigtes? Schreiben Sie in einem Satz auf, was Sie in diesem Moment über sich gedacht haben.
Viele Menschen stellen dabei fest, dass die Sätze sich ähneln. Und dass sie strenger sind als alles, was ein anderer Mensch je zu ihnen sagen würde. Mit genau solchen Notizen beginnen wir dann in der Therapie.
Was ich nicht tue
Ich rede Ihnen die Welt nicht schön. Wenn etwas in Ihrem Leben wirklich schwierig ist, eine kranke Mutter, eine Ehe, die nicht mehr trägt, ein Beruf, der Sie auslaugt, dann ist es schwierig. Positives Denken als Pflaster halte ich für wenig hilfreich. Es geht nicht darum, Schlimmes gut zu finden. Es geht darum, ob die Schlussfolgerungen, die Sie daraus über sich und Ihre Zukunft ziehen, haltbar sind.
Im Erstgespräch klären wir, ob die Arbeit per Video für Sie passt oder ob zunächst eine ärztliche Behandlung im Vordergrund stehen sollte.
Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine Diagnose. In einer akuten Krise wählen Sie bitte die 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, kostenfrei und rund um die Uhr. Quelle der Methode: Stavemann, Hülsner: Der Blick hinter das Symptom, 2. Auflage, dgvt-Verlag 2022.