Ralf BaumhöferHeilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie

Krankheitsangst: Wenn kein Befund beruhigt

Ralf Baumhöfer · Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie · Lesezeit etwa 5 Minuten

Ein digitales Blutdruckmessgerät mit Manschette am Oberarm
Foto: Unsplash, Symbolbild

Der Knoten am Hals war morgens um sieben noch nicht da. Oder doch? Beim Zähneputzen tasten Sie nach, einmal, zweimal. Er fühlt sich größer an als gestern. In der Mittagspause lesen Sie zwanzig Minuten im Internet. Lymphom, steht da, unter anderem. Am Nachmittag rufen Sie beim Hausarzt an. Er hat Sie im letzten Quartal viermal gesehen und schaut sich auch diesmal alles genau an. Nichts Auffälliges. Die Erleichterung hält bis zum Abend. Dann tasten Sie wieder.

Wenn Sorge zum Dauerzustand wird

Sich um die eigene Gesundheit zu kümmern ist vernünftig. Krankheitsangst beginnt dort, wo die Sorge den Alltag bestimmt und ärztliche Befunde sie nicht mehr dauerhaft beruhigen. Betroffene beobachten ihren Körper unablässig. Herzschlag, Atmung, Muttermale, Kopfschmerzen, ein Kribbeln im Arm. Jede Empfindung wird zum möglichen Zeichen einer ernsten Krankheit. Es folgen Kontrollen, Recherchen, Arzttermine, Bitten an Angehörige um Bestätigung.

Manche Menschen gehen den umgekehrten Weg und meiden Ärzte vollständig, aus Angst vor dem, was herauskommen könnte. Auch das gehört dazu.

Was viele nicht wissen: Die Kontrollen, die beruhigen sollen, halten die Angst am Leben. Jedes Abtasten lenkt die Aufmerksamkeit auf den Körper, und wer genau hinsieht, findet immer etwas. Jede Internetrecherche liefert neben harmlosen Erklärungen auch eine schreckliche, und an der bleibt der Blick hängen.

Ich nehme körperliche Beschwerden ernst. Eine ärztliche Abklärung ist immer der erste Schritt, und wenn sich neue Symptome zeigen, gehören sie wieder in ärztliche Hände. Die Psychotherapie ersetzt das nicht. Sie setzt dort an, wo die Befunde unauffällig sind und die Angst trotzdem bleibt.

Warum der Befund nicht reicht

„Sie sind gesund“ ist für jemanden mit Krankheitsangst eine erstaunlich schwache Botschaft. Das liegt nicht daran, dass er dem Arzt misstraut. Es liegt daran, dass der Befund eine andere Frage beantwortet als die, die ihn quält. Der Arzt sagt: Heute ist nichts zu finden. Die Angst fragt: Und wenn er etwas übersehen hat? Und morgen? Und wenn es schon zu spät ist?

Auf diese Fragen gibt es keine Antwort, die Gewissheit liefert. Und genau darin liegt der Kern.

Der Blick dahinter

Ich arbeite mit der problemorientierten kognitiven Psychodiagnostik nach Harlich H. Stavemann. Sie ordnet belastende Gefühle drei Problembereichen zu: dem eigenen Wert, der Unfähigkeit, Unangenehmes auszuhalten, und der existenziellen Bedrohung. Krankheitsangst ist ein klassisches Beispiel für den dritten Bereich.

Stavemann beschreibt für existenzielle Probleme eine typische Denkfigur: Eine tatsächlich mögliche Gefahr wird in den Mittelpunkt gerückt, übertrieben und mit einer Forderung nach Sicherheit verbunden. „Ich muss sicher sein, dass ich nicht krank bin.“ „Ich darf nichts übersehen.“ Dazu kommen Denkmuster wie das Katastrophisieren, bei dem aus einem Ziehen in der Brust in Sekunden ein Herzinfarkt wird, oder das Vorsichtshalber-Denken: Lieber vom Schlimmsten ausgehen, dann ist man vorbereitet.

Das Tückische ist, dass diese Denkweisen sich vernünftig anfühlen. Vorsicht ist doch gut. Krankheiten gibt es wirklich. Beides stimmt. Aber eine Forderung nach absoluter Sicherheit in einem Leben, das sie nicht bieten kann, erzeugt zwangsläufig Dauerangst.

Manchmal liegt unter dem Sicherheitsthema noch eine zweite Schicht. Bei einem Klienten, Anfang sechzig, kurz vor der Rente, ging es nach einigen Sitzungen weniger um die Frage, ob er krank sei, als um die Frage, was er mit der Zeit anfangen würde, die ihm bleibt. Die Angst vor der Krankheit war auch eine Angst vor einem Leben, das er noch nicht gelebt hatte. Dieses Beispiel ist verfremdet. Das Muster begegnet mir öfter.

Wie ich vorgehe

Wir beginnen mit einer Bestandsaufnahme. Welche Körperempfindungen lösen die Angst aus? Was denken Sie dann? Was tun Sie, und wie lange hält die Beruhigung? Viele Klienten sind überrascht, wie viel Zeit am Tag in Kontrollen und Recherchen fließt, wenn sie es einmal aufschreiben.

Dann gehen wir den Gedanken nach. Nicht, um Ihnen auszureden, dass Krankheiten existieren, sondern um die Forderungen sichtbar zu machen, die Ihre Angst antreiben. Wir prüfen sie gemeinsam: Gibt es Sicherheit über die eigene Gesundheit? Was würde es bedeuten, mit einem Rest Ungewissheit zu leben, so wie alle anderen auch? Was hat Ihnen das ständige Nachsehen bisher gebracht?

Darauf aufbauend reduzieren wir schrittweise die Kontrollen. Weniger Abtasten, keine Symptomrecherche, Arzttermine nach Plan statt nach Angst. Das ist am Anfang unbequem. Es ist auch der Punkt, an dem viele zum ersten Mal erleben, dass die Angst von selbst nachlässt, wenn man ihr nicht gehorcht.

Die Rolle des Internets

Ein eigener Absatz für ein Thema, das in fast jedem Gespräch auftaucht. Symptomsuche im Internet ist für Menschen mit Krankheitsangst ungefähr das, was der Spielautomat für jemanden mit Spielproblemen ist. Jede Suche verspricht Erleichterung, und manchmal kommt sie auch. Häufiger kommt eine neue Möglichkeit, an die man vorher nicht gedacht hatte. Foren mit Erfahrungsberichten verstärken das noch, weil dort vor allem diejenigen schreiben, bei denen es schlimm ausging.

Ich rate nicht dazu, das Internet zu verteufeln. Ich rate dazu, ehrlich zu beobachten, wie Sie sich nach einer Suche fühlen. Eine Stunde später. Am Abend. Die meisten meiner Klienten kommen zu einem eindeutigen Ergebnis, wenn sie das zwei Wochen lang notieren. Und dieses Ergebnis ist überzeugender als jedes Verbot.

Dasselbe gilt für das Abtasten, das Pulsmessen, das Kontrollieren von Leberflecken mit dem Handy. Nicht die einzelne Handlung ist das Problem. Das Problem ist der Kreislauf, den sie in Gang hält: Unsicherheit, Kontrolle, kurze Erleichterung, neue Unsicherheit.

Ein Wort an Angehörige

Wenn Sie mit jemandem zusammenleben, der unter Krankheitsangst leidet, wissen Sie, wie anstrengend die immer gleichen Fragen sind. Bestätigung zu geben ist menschlich. Auf Dauer verstärkt es das Problem. Wie man damit gut umgehen kann, ist manchmal auch Thema in der Therapie.

Ob die Arbeit per Video für Ihr Anliegen geeignet ist, klären wir im Erstgespräch.

Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine Diagnose. In einer akuten Krise wählen Sie bitte die 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, kostenfrei und rund um die Uhr. Quelle der Methode: Stavemann, Hülsner: Der Blick hinter das Symptom, 2. Auflage, dgvt-Verlag 2022.