Ralf BaumhöferHeilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie

Selbstwert: Der innere Kritiker und seine Maßstäbe

Ralf Baumhöfer · Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie · Lesezeit etwa 5 Minuten

Eine junge Frau betrachtet ihr Gesicht in einem kleinen runden Handspiegel
Foto: Unsplash, Symbolbild

Die Präsentation lief gut. Der Chef hat genickt, zwei Kollegen haben hinterher gesagt, das sei stark gewesen. Auf dem Heimweg denken Sie trotzdem nur an die eine Folie, bei der Sie sich verhaspelt haben. Und an den Blick von Frau Weber, als Sie die Zahl nicht gleich parat hatten. Abends erzählen Sie Ihrem Partner davon, und als er sagt, das habe doch niemand gemerkt, sind Sie fast gereizt. Er versteht es nicht. Sie haben es gemerkt.

Was hinter dem Wort steckt

Selbstwert ist ein Begriff, den jeder benutzt und kaum jemand erklären kann. Gemeint ist meistens, wie jemand über sich selbst urteilt. Ob er sich für in Ordnung hält, liebenswert, fähig, oder für unzulänglich. Probleme mit dem Selbstwert zeigen sich auf viele Arten. Als ständige Selbstkritik. Als Perfektionismus, der keine Zufriedenheit zulässt. Als Angst vor Ablehnung, die jede Entscheidung danach ausrichtet, was andere denken könnten. Als Schwierigkeit, Lob anzunehmen. Manchmal auch als das Gegenteil: als demonstrative Stärke, hinter der sich Unsicherheit verbirgt.

Selbstwertprobleme sind keine Diagnose. Sie sind aber an erstaunlich vielen seelischen Belastungen beteiligt. An sozialer Angst, an depressiven Symptomen, an Erschöpfung, an Eifersucht, an Beziehungskonflikten. Wenn ich nur einen Bereich nennen dürfte, in dem sich meine Arbeit am häufigsten bewegt, wäre es dieser.

Woran wir unseren Wert messen

Harlich H. Stavemann, auf dessen problemorientierter kognitiver Psychodiagnostik meine Arbeit beruht, hat beschrieben, woran Menschen ihren Wert typischerweise festmachen. Die Liste ist kurz und trifft fast jeden. Wir messen uns an Beliebtheit, an der Zuneigung und Aufmerksamkeit, die wir bekommen. An Leistung, Intelligenz und Können. An Besitz, Stärke oder Einfluss. Am Aussehen. An der moralischen, politischen oder religiösen Haltung, die wir vertreten. Und meistens nicht an unserem eigenen Urteil darüber, sondern an dem, was wir vermuten, dass andere denken.

Das ist der Kern. Der eigene Wert wird zu einer Größe, die von außen verliehen und jederzeit entzogen werden kann. Wer so denkt, lebt in einer dauernden Prüfung. Jede Präsentation, jeder Blick, jede Rückmeldung ist ein Urteil über die ganze Person.

Ich halte diese Art, den Wert eines Menschen zu bestimmen, für einen der folgenreichsten Denkfehler überhaupt. Nicht, weil Leistung oder Beliebtheit unwichtig wären. Sondern weil man von einzelnen Eigenschaften oder Handlungen auf den Wert eines ganzen Menschen schließt. Das ist logisch nicht haltbar, und es macht unglücklich.

Typische Denkmuster

Stavemann beschreibt eine Reihe von Denkweisen, die bei Selbstwertproblemen regelmäßig auftauchen. Einige davon werden Sie vielleicht wiedererkennen. Das pauschale Urteil über die ganze Person, das aus einem Fehler ein „Ich bin ein Versager“ macht. Das Ausrichten eigener Ziele nach dem vermuteten Beifall anderer. Das Bedürfnis, recht zu behalten oder besser zu sein als andere, weil Nachgeben sich wie ein Wertverlust anfühlt. Und, auf der anderen Seite, das Kleinmachen: lieber gar nicht erst antreten, um nicht verlieren zu können.

Dazu kommen allgemeinere Muster wie Schwarz-Weiß-Denken, bei dem eine Leistung entweder perfekt oder wertlos ist, oder das Vorsichtshalber-Negativdenken, das sich gegen Enttäuschungen schützen soll und dabei jede Freude verhindert.

Woher die Maßstäbe kommen

Kaum jemand hat sich seine Maßstäbe bewusst ausgesucht. Sie entstehen früh, in Familien, in Schulen, in Freundeskreisen, und sie hatten dort meist einen Sinn. Ein Kind, das nur Aufmerksamkeit bekam, wenn es gute Noten nach Hause brachte, lernt schnell, worauf es ankommt. Ein Jugendlicher, der in der Clique nur dazugehörte, solange er mithielt, lernt etwas anderes. Ein Mädchen, dessen Aussehen ständig kommentiert wurde, wieder etwas anderes.

Diese Lernerfahrungen sind keine Schuldfrage. Ich suche in der Therapie nicht nach dem Schuldigen in Ihrer Kindheit, und ich halte es auch für wenig ergiebig, Jahre damit zu verbringen. Interessant ist die Frage, ob die Maßstäbe von damals heute noch taugen. Ob sie zu dem Leben passen, das Sie als erwachsener Mensch führen wollen. Oft ist die ehrliche Antwort: nein. Sie sind nur nie überprüft worden.

Ein Hinweis darauf, wie tief solche Maßstäbe sitzen, ist die Reaktion auf Lob. Viele Menschen mit Selbstwertproblemen wehren Lob ab, relativieren es oder vermuten eine Absicht dahinter. Das ist folgerichtig. Wer überzeugt ist, nicht zu genügen, muss Lob für einen Irrtum halten.

Was es kostet

Selbstwertprobleme sind teuer, auch wenn man es von außen selten sieht. Sie kosten Zeit, weil jede E-Mail dreimal gelesen wird, bevor sie rausgeht. Sie kosten Beziehungen, weil man Kritik als Angriff erlebt oder sich so sehr anpasst, dass vom eigenen Willen wenig übrig bleibt. Und sie kosten Gelegenheiten. Die Bewerbung, die nie geschrieben wurde. Der Vortrag, den jemand anderes gehalten hat.

Wie ich vorgehe

Wir beginnen mit konkreten Situationen. Wann haben Sie sich zuletzt schlecht gefühlt, weil Sie meinten, nicht zu genügen? Was ist passiert, was haben Sie gedacht, was gefühlt? Scham, Niedergeschlagenheit, Angst? Vom Gefühl aus rekonstruieren wir die Bewertung und den Maßstab dahinter. „Wenn ich mich verhaspele, halten mich alle für inkompetent, und dann bin ich es auch.“

Dann prüfen wir diesen Maßstab gemeinsam. Woher stammt er? Ist er logisch? Würden Sie ihn an andere anlegen? Was hat er Ihnen bisher gebracht, und was hat er gekostet? Diese Fragen stelle ich nicht, um Sie zu überzeugen. Ich stelle sie, damit Sie selbst zu einem Urteil kommen. Eine Überzeugung, die man selbst erarbeitet hat, trägt weiter als jede, die einem jemand einredet.

Am Ende steht kein künstlich aufgeblasenes Selbstbewusstsein. Ich halte nichts von Spiegelsätzen und Affirmationen. Das Ziel ist bescheidener und gleichzeitig größer: Sie hören auf, Ihren Wert ständig zur Abstimmung zu stellen. Sie dürfen Fehler machen, ohne dass dabei Ihre ganze Person auf dem Spiel steht.

Ein Thema, das mich auch beim Schreiben beschäftigt. In meinem Buch „Erst wenn ich sicher bin“ geht es unter anderem darum, wie Perfektionismus und Selbstzweifel zusammenhängen. In der Therapie arbeiten wir an Ihren eigenen Mustern.

Ob die Arbeit per Video für Sie passt, klären wir im Erstgespräch.

Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine Diagnose. In einer akuten Krise wählen Sie bitte die 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, kostenfrei und rund um die Uhr. Quelle der Methode: Stavemann, Hülsner: Der Blick hinter das Symptom, 2. Auflage, dgvt-Verlag 2022.