Ralf BaumhöferHeilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie

Zwänge: Wenn Kontrollieren nicht mehr aufhört

Ralf Baumhöfer · Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie · Lesezeit etwa 5 Minuten

Hände werden unter fließendem Wasser am Waschbecken gewaschen
Foto: Unsplash, Symbolbild

Herd aus. Sie wissen es. Sie haben es gesehen, vor dreißig Sekunden. Trotzdem gehen Sie noch einmal zurück in die Küche, legen die Hand auf jeden Drehknopf, zählen bis vier. An der Haustür kommt der Zweifel wieder. Hatten Sie wirklich alle Knöpfe? Also zurück. Beim dritten Mal sind Sie zehn Minuten zu spät, und Sie schämen sich, weil Sie genau wissen, wie das von außen aussieht.

Menschen mit Zwängen sind nicht unvernünftig. Die meisten wissen sehr genau, dass ihr Kontrollieren übertrieben ist. Das macht es nicht leichter. Es macht es schlimmer.

Zwangshandlungen und Zwangsgedanken

Zwänge haben zwei Seiten. Die sichtbare sind die Handlungen: kontrollieren, waschen, putzen, ordnen, zählen, nachfragen. Sie folgen festen Regeln und müssen oft genau so ausgeführt werden, sonst beginnt alles von vorn. Die unsichtbare Seite sind Gedanken, die sich aufdrängen und nicht zu einem passen. Eine liebevolle Mutter, die beim Gemüseschneiden plötzlich das Bild hat, sie könnte ihr Kind mit dem Messer verletzen. Ein gläubiger Mann, dem in der Kirche Flüche einfallen. Ein gewissenhafter Autofahrer, der nach jeder Bodenwelle umkehrt, weil er vielleicht jemanden überfahren hat.

Diese Gedanken haben fast alle Menschen gelegentlich. Der Unterschied liegt nicht im Gedanken, sondern darin, was man daraus macht. Wer den Gedanken als bedeutungslosen Unsinn abtut, vergisst ihn. Wer ihn als Hinweis auf eine verborgene Gefahr oder einen schlechten Charakter liest, muss etwas tun. Und das Tun bringt Erleichterung. Für den Moment.

Genau das hält den Zwang am Leben. Jede Kontrolle sagt dem Gehirn: Die Gefahr war echt, gut, dass du nachgesehen hast. Beim nächsten Mal ist der Drang stärker. Viele Betroffene verbringen Stunden am Tag damit, und das Umfeld wird oft einbezogen. Der Partner muss bestätigen, dass die Tür zu ist. Die Kinder dürfen bestimmte Dinge nicht anfassen.

Zwänge gehören zu den Themen, bei denen eine ärztliche oder fachärztliche Abklärung sinnvoll ist, vor allem wenn sie schon lange bestehen oder sehr viel Zeit kosten.

Gründlich oder zwanghaft?

Nicht jeder, der zweimal nach dem Bügeleisen schaut, hat einen Zwang. Gewissenhaftigkeit ist eine Eigenschaft, mit der sich gut leben lässt, und viele Berufe sind auf sie angewiesen. Die Grenze verläuft dort, wo das Kontrollieren sich nicht mehr wie eine Entscheidung anfühlt. Wo Sie es tun müssen, obwohl Sie es nicht wollen. Wo es täglich mehr als eine Stunde kostet, wo Sie Orte meiden, Termine absagen oder Ihre Familie einspannen, damit der Druck erträglich bleibt.

Ein zweites Merkmal ist die Scham. Viele Menschen mit Zwängen verbergen ihre Rituale jahrelang, auch vor dem Partner. Sie warten, bis alle schlafen, und kontrollieren dann. Oft vergehen viele Jahre, bis jemand zum ersten Mal darüber spricht. Das ist schade, denn gerade Zwänge lassen sich in der Verhaltenstherapie gut bearbeiten, wenn sie einmal auf dem Tisch liegen.

Was hinter dem Kontrollieren steckt

Die übliche Frage lautet: Wie bekommt man das Kontrollieren weg? Die Frage, mit der ich beginne, lautet anders: Was müsste passieren, damit Sie nicht mehr kontrollieren müssten? Und was wäre so schlimm daran, wenn Sie es nicht täten?

Ich arbeite mit der problemorientierten kognitiven Psychodiagnostik nach Harlich H. Stavemann. Sie fragt nicht zuerst nach der Diagnose, sondern nach den Denkkonzepten, die das Problem tragen. Stavemann beschreibt drei Problembereiche: den eigenen Wert, die Unfähigkeit, Unangenehmes auszuhalten, und das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle angesichts existenzieller Bedrohung. Bei Zwängen begegnen mir alle drei, oft in Kombination.

Da ist der Mann, der den Herd kontrolliert, weil er denkt: „Wenn es brennt, bin ich schuld, und dann bin ich ein schlechter Mensch.“ Das ist ein Selbstwertthema, verkleidet als Sicherheitsthema. Da ist die Frau, die sich nach jeder Busfahrt die Hände wäscht, bis die Haut aufreißt, weil sie die Vorstellung von Keimen nicht erträgt: „Dieses Gefühl halte ich keine Sekunde länger aus.“ Das ist Frustrationsintoleranz. Und da ist die Forderung nach hundertprozentiger Gewissheit, die fast allen Zwängen zugrunde liegt: „Ich muss sicher sein. Ein Rest Zweifel ist nicht erlaubt.“

Diese Forderung ist der eigentliche Motor. Denn hundertprozentige Gewissheit gibt es nicht. Nicht beim Herd, nicht bei der Gesundheit, nicht bei der Frage, ob man ein guter Mensch ist. Wer sie fordert, muss ewig kontrollieren.

Wie ich vorgehe

Zuerst verschaffen wir uns ein genaues Bild. Welche Situationen lösen den Drang aus? Was genau denken Sie in dem Moment? Wie stark ist die Angst, das Unbehagen, das Schuldgefühl, auf einer Skala von eins bis zehn? Was tun Sie dann, und wie lange hält die Erleichterung?

Dann suchen wir die Regeln dahinter. Das braucht Geduld, weil Zwangsgedanken sich oft wie selbstverständliche Wahrheiten anfühlen. „Natürlich muss ich nachsehen, sonst könnte ja etwas passieren.“ Im gemeinsamen Nachdenken prüfen wir solche Sätze: Ist das zwingend so? Wie wahrscheinlich ist das? Woher kommt die Idee, dass ein Gedanke etwas über Ihren Charakter verrät? Und was kostet Sie diese Regel jeden Tag?

Erst wenn die Denkweise klar ist und Sie selbst Zweifel an ihr haben, kommt der Teil, der in der Verhaltenstherapie bei Zwängen zum Kern gehört: der bewusste Verzicht auf das Ritual. Sie bleiben im Unbehagen, ohne zu kontrollieren, und erleben, dass das Gefühl von selbst nachlässt. Per Video ist das gut möglich, weil die Übungen genau dort stattfinden, wo der Zwang zu Hause ist. In Ihrer Küche, an Ihrer Haustür.

Ohne die Arbeit an den Denkkonzepten bleibt dieser Schritt oft ein Kraftakt. Mit ihr wird er eine logische Konsequenz.

Was nicht hilft

Rückversicherung. Wenn Ihr Partner Ihnen zum zehnten Mal bestätigt, dass die Tür zu ist, beruhigt Sie das, und es füttert den Zwang. Das gilt auch für mich. Ich werde Ihnen in der Therapie nicht versichern, dass nichts passieren kann. Das weiß ich nämlich nicht. Niemand weiß das.

Was wir stattdessen erarbeiten, ist eine andere Haltung zur Ungewissheit. Eine, mit der man leben kann.

Ob Ihr Anliegen für die Arbeit per Video geeignet ist, klären wir im Erstgespräch. Bei sehr ausgeprägten Zwängen kann eine Kombination mit fachärztlicher Begleitung sinnvoll sein.

Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine Diagnose. In einer akuten Krise wählen Sie bitte die 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, kostenfrei und rund um die Uhr. Quelle der Methode: Stavemann, Hülsner: Der Blick hinter das Symptom, 2. Auflage, dgvt-Verlag 2022.