Ralf BaumhöferHeilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie

Psychosomatische Beschwerden: Wenn der Körper mitredet

Ralf Baumhöfer · Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie · Lesezeit etwa 5 Minuten

Eine Frau hält sich mit beiden Händen den Bauch
Foto: Unsplash, Symbolbild

Drei Gastroskopien in zwei Jahren. Ein Ultraschall vom Bauch, eine Blutuntersuchung nach der anderen, ein Laktosetest, ein Fruktosetest. Alles ohne Befund, oder mit einem Befund, der die Beschwerden nicht erklärt. Die Magenschmerzen kommen trotzdem, vor allem sonntagabends und vor wichtigen Terminen. Irgendwann sagt ein Arzt den Satz, den viele Betroffene fürchten: „Das ist wahrscheinlich psychosomatisch.“ Und es klingt wie: Sie bilden sich das ein.

Das tun Sie nicht.

Was psychosomatisch bedeutet

Psychosomatisch heißt nicht eingebildet. Es heißt, dass seelische Vorgänge an körperlichen Beschwerden beteiligt sind. Die Schmerzen sind echt, die Verspannung ist messbar, der Magen produziert tatsächlich mehr Säure. Der Körper reagiert auf das, was im Kopf passiert, und zwar mit allem, was er hat: Muskeln, Verdauung, Kreislauf, Atmung, Haut.

Das kennt jeder aus kleinen Momenten. Der trockene Mund vor einer Prüfung, das flaue Gefühl vor einem schwierigen Gespräch, der steife Nacken nach einer anstrengenden Woche. Bei psychosomatischen Beschwerden ist dieser Zusammenhang anhaltend geworden. Häufig betroffen sind Magen und Darm, der Rücken, der Kopf, das Herz-Kreislauf-System. Manchmal auch die Haut oder das Gleichgewicht.

Der umgekehrte Weg existiert ebenfalls. Eine körperliche Erkrankung kann seelische Folgen haben, etwa wenn jemand sich wegen einer sichtbaren Hauterkrankung schämt oder nach einer schweren Diagnose niedergeschlagen ist. Körper und Seele wirken in beide Richtungen aufeinander. Das ist keine Esoterik, sondern seit Langem gut beschrieben.

Eins ist mir wichtig. Die körperliche Abklärung kommt zuerst, und sie bleibt Sache der Ärzte. Ich behandle keine Magenschmerzen. Ich arbeite mit Ihnen an dem, was im Kopf passiert, wenn die Befunde da sind und die Beschwerden bleiben.

Belastung ist nicht gleich Belastung

Viele Betroffene haben schon gehört, dass Stress die Ursache sei. Das ist ein unbefriedigender Satz, weil er alles und nichts erklärt. Stress ist kein Ding, das von außen kommt. Er entsteht in der Bewertung einer Situation. Zwei Menschen in derselben Abteilung, mit demselben Chef und denselben Fristen, erleben ganz unterschiedlich viel Druck. Der Unterschied liegt in dem, was sie über die Situation denken und wie wichtig sie dabei bestimmte Dinge nehmen.

Wenn der Magen sich sonntagabends meldet, lohnt es sich also, genauer hinzuschauen. Nicht auf den Montag. Sondern auf das, was Sie über den Montag denken.

Der Blick dahinter

Ich arbeite mit der problemorientierten kognitiven Psychodiagnostik nach Harlich H. Stavemann. Sie sucht nach den Denkkonzepten, die belastende Gefühle hervorbringen, und ordnet sie drei Problembereichen zu: dem eigenen Wert, der Unfähigkeit, Unangenehmes zu ertragen, und der existenziellen Bedrohung mit ihrem Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle.

Bei psychosomatischen Beschwerden ist dieser Weg besonders hilfreich, weil der Körper selten verrät, welches Gefühl ihn gerade beschäftigt. Herzklopfen kann Angst sein, aber auch Ärger. Ein verkrampfter Magen kann zu Scham gehören oder zu dauerhaftem Unmut. Viele Klienten sagen am Anfang: „Ich fühle eigentlich nichts Besonderes, es tut nur weh.“ Dann tasten wir uns heran. Was war los, als die Beschwerden kamen? Wer war da, was wurde gesagt, was stand bevor?

Ein Beispiel, verfremdet. Ein Handwerksmeister mit eigenem Betrieb hatte seit Jahren Rückenschmerzen, die orthopädisch nicht ausreichend erklärbar waren. In den Gesprächen zeigte sich, dass er sich nie erlaubte, einen Auftrag abzulehnen oder einen Fehler eines Mitarbeiters stehen zu lassen. Sein Gedanke: „Wenn bei mir etwas schiefgeht, bin ich als Meister erledigt.“ Ein Selbstwertkonzept, das ihn jeden Tag unter Spannung hielt. Im wörtlichen Sinn.

Bei anderen liegt das Problem im Aushalten. „Ich ertrage es nicht, wenn es Streit gibt.“ Wer so denkt, schluckt viel herunter. Auch das kann man manchmal wörtlich nehmen.

Der Kreislauf aus Beschwerde und Sorge

Ein weiterer Mechanismus wird oft übersehen. Wer lange Beschwerden hat, beginnt sich auch über die Beschwerden selbst Gedanken zu machen. „Was, wenn es doch etwas Ernstes ist?“ „Ich kann nicht in den Urlaub fahren, falls es dort schlimm wird.“ „Wieder ein Abend kaputt.“ Diese Gedanken erzeugen neue Anspannung, und die Anspannung verstärkt die Beschwerden. So entsteht ein Kreislauf, der irgendwann unabhängig von der ursprünglichen Belastung weiterläuft.

Manche Menschen ziehen sich dann zurück. Sie sagen Einladungen ab, verzichten auf Sport, essen nur noch, was sicher scheint. Das ist nachvollziehbar und schränkt das Leben Stück für Stück ein. Auch das gehört in die Therapie: herauszufinden, welche Vorsicht sinnvoll ist und welche nur noch der Angst dient.

Ich erlebe oft, dass Klienten erleichtert sind, wenn sie diesen Kreislauf einmal auf dem Papier sehen. Nicht, weil damit etwas gelöst wäre. Sondern weil die Beschwerden plötzlich einen nachvollziehbaren Zusammenhang bekommen, nachdem sie jahrelang als rätselhaft galten.

Ein letzter Punkt dazu. Ich nehme Ihre Beschwerden ernst, auch wenn wir über Gedanken sprechen. Wer jahrelang gehört hat, es sei „nur die Psyche“, ist zu Recht empfindlich. In meiner Praxis gibt es dieses „nur“ nicht.

Wie ich vorgehe

Wir beginnen mit Beobachtung. Ein einfaches Protokoll über zwei, drei Wochen: Wann treten die Beschwerden auf, wie stark, was war vorher los, was ging Ihnen durch den Kopf? Dabei zeigen sich oft Muster, die Ihnen und Ihren Ärzten bisher entgangen sind.

Dann arbeiten wir mit konkreten Situationen. Wir rekonstruieren Schritt für Schritt, welche Bewertungen hinter der Anspannung stehen und welche Grundannahmen diese Bewertungen speisen. Diese Annahmen prüfen wir gemeinsam, mit Fragen nach Logik, Wahrscheinlichkeit und Nutzen. Zwischen den Sitzungen probieren Sie neue Sichtweisen im Alltag aus und beobachten, was Ihr Körper dazu sagt.

Ich verspreche Ihnen nicht, dass die Beschwerden verschwinden. Das kann niemand seriös versprechen. Was wir erarbeiten, ist ein Verständnis dafür, was Ihr Körper Ihnen mitteilt, und ein anderer Umgang mit den Situationen, die ihn in Alarm versetzen.

Ob die Arbeit per Video für Ihr Anliegen passt, klären wir im Erstgespräch.

Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine Diagnose. In einer akuten Krise wählen Sie bitte die 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, kostenfrei und rund um die Uhr. Quelle der Methode: Stavemann, Hülsner: Der Blick hinter das Symptom, 2. Auflage, dgvt-Verlag 2022.