Ralf BaumhöferHeilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie

Erschöpfung: Wenn der Akku auch am Wochenende nicht mehr lädt

Ralf Baumhöfer · Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie · Lesezeit etwa 5 Minuten

Ein Mann ist am Schreibtisch vor dem Laptop eingeschlafen
Foto: Unsplash, Symbolbild

Freitagabend, Hilpoltstein. Die Woche ist geschafft, das Wochenende liegt vor Ihnen, und Sie haben keine Kraft, sich darauf zu freuen. Samstag schlafen Sie bis zehn und sind trotzdem müde. Sonntagnachmittag beginnt das Ziehen im Magen, weil Montag kommt. Am Montag stehen Sie wieder auf, funktionieren, beantworten Mails bis abends um neun. Und fragen sich manchmal, wie lange das noch so geht.

Was Erschöpfung von Müdigkeit unterscheidet

Müdigkeit vergeht nach Schlaf. Erschöpfung nicht. Menschen, die in einen Zustand anhaltender Erschöpfung geraten, beschreiben eine Leere, die tiefer sitzt. Gereiztheit bei Kleinigkeiten. Konzentrationsprobleme, das Gefühl, dass der Kopf nicht mehr so will. Ein wachsender Zynismus gegenüber der Arbeit, den Kollegen, manchmal auch den Klienten oder Patienten, für die man einmal mit Begeisterung angetreten ist. Körperlich zeigt sich das oft durch Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Infektanfälligkeit, Verspannungen.

Der Begriff Burnout ist dafür populär geworden. Die Weltgesundheitsorganisation führt ihn in ihrer aktuellen Klassifikation als arbeitsbezogenes Phänomen, nicht als eigenständige Krankheit. Das ist kein Detail. Erschöpfungszustände können sich mit depressiven Symptomen überschneiden oder in sie übergehen, und körperliche Ursachen wie Blutarmut, Schilddrüsenprobleme oder Schlafapnoe können Ähnliches auslösen. Eine ärztliche Abklärung gehört deshalb an den Anfang.

Die übliche Erklärung und ihre Lücke

Die übliche Erklärung lautet: zu viel Arbeit, zu wenig Erholung. Das stimmt oft. Es erklärt aber nicht, warum zwei Menschen mit derselben Arbeitslast so unterschiedlich darauf reagieren. Und es erklärt nicht, warum viele Erschöpfte im Urlaub nach drei Tagen nervös werden oder heimlich Mails lesen.

Die Ratschläge, die daraus folgen, kennen Sie wahrscheinlich: Grenzen setzen, Nein sagen, Pausen machen, Sport. Alles vernünftig. Und viele meiner Klienten wussten das alles schon, bevor sie kamen. Sie haben es nur nicht getan. Die interessante Frage ist: Warum nicht?

Der Blick dahinter

Ich arbeite mit der problemorientierten kognitiven Psychodiagnostik nach Harlich H. Stavemann. Sie sucht hinter den Symptomen die Denkkonzepte, die das Verhalten steuern. Stavemann unterscheidet drei Problembereiche: den eigenen Wert, die Unfähigkeit, Unangenehmes auszuhalten, und die existenzielle Bedrohung mit dem Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle.

Bei Erschöpfung finde ich am häufigsten Selbstwertkonzepte. Der eigene Wert hängt an Leistung oder an der Anerkennung anderer. „Wenn ich Nein sage, enttäusche ich die anderen, und dann mögen sie mich nicht mehr.“ „Wenn ich nicht alles perfekt mache, bin ich nicht gut genug.“ Mit solchen Sätzen im Hintergrund ist Nein sagen keine Frage der Technik. Es ist eine Bedrohung.

Daneben spielen Konzepte eine Rolle, die Stavemann der Frustrationsintoleranz zuordnet, oft in einer überraschenden Form. Nicht die Arbeit ist unerträglich, sondern der Gedanke, dass etwas liegen bleibt. „Ich kann nicht abschalten, solange der Schreibtisch nicht leer ist.“ Der Schreibtisch ist nie leer. Und manchmal steckt dahinter auch ein Sicherheitsbedürfnis, etwa bei Selbstständigen: „Wenn ich einen Auftrag ablehne, kommt vielleicht keiner mehr.“

Wie ich vorgehe

Zuerst schauen wir auf die Lage. Wie sieht eine typische Woche aus? Wo geht die Energie hin, wo kommt sie her? Was davon ist von außen vorgegeben, was haben Sie sich selbst auferlegt? Diese Unterscheidung ist oft schon ein Erkenntnisschritt, weil vieles, was sich wie äußerer Zwang anfühlt, bei genauerem Hinsehen eine innere Regel ist.

Dann nehmen wir konkrete Situationen. Die Bitte des Chefs am Freitag um halb fünf. Der Anruf der Mutter, als Sie eigentlich eine Pause brauchten. Was haben Sie in dem Moment gedacht, gefühlt, getan? Wir rekonstruieren die Bewertung und die Maßstäbe dahinter. Und dann prüfen wir sie. Ist es wirklich so, dass andere Sie nur mögen, wenn Sie alles mitmachen? Woher haben Sie diese Idee? Und wohin führt sie, wenn Sie sie die nächsten zehn Jahre beibehalten?

Ein Beispiel, verfremdet. Eine Pflegekraft, Anfang fünfzig, mit drei Jahren Dauererschöpfung, sagte in der zweiten Sitzung: „Ich kann meine Kolleginnen nicht hängen lassen.“ Als wir genauer hinsahen, stand da noch mehr: Wer die Kolleginnen hängen lässt, ist ein schlechter Mensch. Und ein schlechter Mensch zu sein war für sie unvorstellbar. An dieser Gleichung haben wir gearbeitet, nicht an ihrem Dienstplan.

Erst danach werden die praktischen Dinge wirksam. Grenzen, Pausen, Nein sagen. Weil sie nicht mehr gegen eine innere Regel durchgesetzt werden müssen.

Woran Sie merken, dass es nicht nur die Menge ist

Es gibt ein paar Anzeichen, die darauf hindeuten, dass Ihre Erschöpfung mehr mit inneren Regeln zu tun hat als mit der reinen Arbeitslast. Sie fühlen sich schuldig, wenn Sie Pause machen. Sie übernehmen Aufgaben, bevor jemand fragt. Sie können Arbeit schlecht abgeben, weil andere es nicht so gründlich machen würden. Lob nehmen Sie kaum wahr, Kritik hallt tagelang nach. Und wenn Sie ausnahmsweise früher gehen, haben Sie das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, auch wenn niemand danach fragt.

Keines dieser Anzeichen ist für sich genommen ungewöhnlich. Zusammen ergeben sie oft ein Bild. Ein Mensch, der viel gibt und sich selbst wenig erlaubt.

Eine kleine Übung, falls Sie es ausprobieren wollen: Notieren Sie eine Woche lang jedes Mal, wenn Sie Ja gesagt haben, obwohl Sie Nein meinten. Daneben in einem Satz, was Sie befürchtet haben, wenn Sie Nein gesagt hätten. Die Liste ist oft aufschlussreicher als jedes Zeitmanagement-Seminar.

Wenn Sie sich in dieser Beschreibung wiederfinden, heißt das nicht, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Es heißt, dass sich ein Blick auf die Regeln lohnt, nach denen Sie leben.

Was ich nicht tue

Ich sage Ihnen nicht, dass Sie kündigen sollen. Manchmal ist eine Arbeitsstelle tatsächlich unhaltbar, und das zu erkennen kann Teil der Arbeit sein. Die Entscheidung bleibt bei Ihnen. Mein Anliegen ist, dass Sie sie aus klarem Kopf treffen und nicht aus Angst oder Erschöpfung.

Ob die Arbeit per Video zu Ihrer Situation passt, klären wir im Erstgespräch. Für viele Erschöpfte ist gerade der Wegfall der Fahrt ein Argument.

Dieser Text ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine Diagnose. In einer akuten Krise wählen Sie bitte die 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, kostenfrei und rund um die Uhr. Quelle der Methode: Stavemann, Hülsner: Der Blick hinter das Symptom, 2. Auflage, dgvt-Verlag 2022.